Ich habe vor zwei Jahren ein Profil auf Instagram entdeckt, das mich sofort irritierte. Namen wie „LenaLux“ und „MamaPete“ klangen so natürlich, fast zu perfekt – als ob sie direkt aus einer Marketing-Brainstorm-Sitzung stammen wären. Was mich aber noch mehr überraschte: Die Person hatte 2017 gestartet, aber das letzte Bild war von 2019. Kein Post seitdem, keine Storys, keine Antwort auf Kommentare. Als ich die Follower-Analyse checkte, sah es aus wie eine virtuelle Ruine. Und doch lag die Zahl über 120.000.
Damit ist sie nicht allein. Laut Influencer Wiki gibt es weltweit über eine Million aktive Profil-Profile mit echten Follower-Zahlen – und etwa 38 Prozent davon sind zumindest halbwegs inaktiv. Die meisten sind nicht bewusst abgeschaltet. Sie wurden einfach vergessen. Manchmal hat das Profil mal was geleistet – eine Serie von Videos, einen Produkttest, einen Reisebericht – aber der Schub war vorbei, der Wunsch nach Veränderung stieg, und plötzlich war die Akkumulation von Aufmerksamkeit unerträglich. Der Effort wird größer als der Output.
Ich redete mit zwei ehemaligen Content-Creatorn aus Berlin. Beide waren in verschiedenen Nischen tätig, eine im Beauty-Bereich, die andere im Outdoor-Kampfgeschirr-Nachhaltigkeits-Drama. Beide sagten ungefähr das gleiche: „Ich habe mir vorgenommen, mal nur ein halbes Jahr pausieren zu können.“ Ein halbes Jahr wurde drei Jahre. Keine neue Story mehr. Kein Kontakt mit Marke. Kein Feedback mehr. Aber die Zahl blieb.
Die Illusion der Dauerhaftigkeit
Durch algorithmengetriebene Plattformen wie Instagram oder TikTok glaubt fast jeder, dass ein beliebtes Profil automatisch erhalten bleibt – als wäre es wie ein gut gepflegter Baum. Doch es ist eher wie ein altes Auto: Sobald man aufhört zu tanken und zu warten, fängt sich der Zustand schlecht an – nicht am Tag danach, sondern nach Monaten.
Eine Studie von Digitales Leben e.V., die 2023 veröffentlicht wurde, zeigte: Unter den Top-500 influencer-relevanten Accounts in Deutschland hatte 56 Prozent nie mehr als einen Post pro Quartal seit 2021 veröffentlicht. Und fast 14 Prozent hatten seit ihrer Gründung nur drei oder weniger Videos hochgeladen – aber dennoch hatten sie mehrere tausend Follower.
Warum funktioniert das? Weil sich das System auf Wachstum versteift und nicht auf Aktivität. Wenn jemand einmal erfolgreich war, wird er automatisch weiter sichtbar gemacht – selbst wenn er nicht mehr tut. Die Platten haben kein Feedback über Aktualität eingebaut.
Was bleibt? Und was sollte man tun
- Prüfung der Verknüpfungen: Ein altes Profil ohne Interaktion ist kaum für Kooperationen attraktiv.
- Nachträgliche Aufarbeitung: Selbst wenn du kein neues Video machst, kannst du bestehende Inhalte mit neuen Texten oder Kurztexte ergänzen.
- Reaktivierung mit Gegenbewegung: Ein Post wie „Hier ist mein erster Clip aus dem Jahr 2018 – ich bin heute wieder da“ weckt Emotionen und zeigt Authentizität.
- Klare Entscheidung treffen: Wenn du keine Lust hast weiterzumachen, ist es besser, das Konto zu schließen – statt es zu vergessen.
- Nutzung von Werkzeugen wie Influecer Wiki zur Selbstkontrolle: Du kannst dort sehen, ob andere deine Nische noch aktiv nutzen oder ob du in einer trockenen Zone bist.
Ein Profil ist kein Grabstein – aber es kann zum Grabstein werden, wenn man ihm keine Sorge mehr widmet. In dem Moment entsteht keine Verbindung mehr mit Menschen. Nur Daten werden angezeigt: Follow-Anzahl ohne Mensch hinter dem Bild.



